Fallbeispiele

Im Folgenden wird die Wirkungsweise von Isotopenanalysen anhand von Problemstellungen näher dargelegt (z.B. Unterscheidung von Niederschlags- und Leitungswasser). Um die Bandbreite der möglichen Leistungen exemplarisch abzudecken, beginnen wir bei einem einfach gelagerten Fall und erschließen danach komplexere Fälle.

Schadensfall 1: Unterscheidung von Kondens- und Fremdwasser

Der erste Fall behandelt eine sehr einfache, doch oft wichtige Fragestellung: handelt es sich bei einer Mauerfeuchte um Kondenswasser? Diese Frage ist ein häufiger Streitpunkt, wenn z.B. bei einem Mieter mangelhaftes Lüftungsverhalten vermutet wird.

Im EG eines Hauses in Kempten wurde eine feuchte Innenwand festgestellt. Eine Probe der Mauerfeuchte wurde mit Hilfe einer Kieselgelpatrone extrahiert und auf ihre Isotopenwerte analysiert. Die Isotopenwerte lagen im Isotopenvariationsdiagramm in einem Bereich, der eine Anreicherung von „schwerem“ Wasser zeigt (Abb. 1).

 

Die Bezugsgrößen, die dem Fachmann diese Interpretation ermöglichen, sind die isotopische Zusammensetzung von Meerwasser („VSMOW“) und die isotopische Variabilität des globalen Niederschlagswassers (Abb. 1, Linie „GWML“). Diese erhöhte Konzentration schweren Wassers entsteht durch bevorzugte Verdunstung von leichten Wassermolekülen aus der Mauerfeuchte.

 

Kondenswasser hingegen wird aus leichtem Wasserdampf gebildet,  und wäre damit isotopisch leichter. Trotz einer möglichen späteren Rückverdunstung kann es nicht mehr schwerere Isotopenwerte annehmen. Die Mauerfeuchte ist damit als eingedrungenes Flüssigwasser erkannt und kann nicht aus der Luftfeuchte des Raumes stammen.

Abb.1: Isotopenwerte einer Mauerfeuchteprobe (Fallbeispiel 1). Die Probe zeigt eine schwerere Isotopie im Vergleich zu Niederschlagswasser (Linie GWML). Damit ist das Schadwasser eindeutig als verdunstendes Wasser bestimmt, und kann somit nicht aus Kondensation herrühren.

In einem einfachen Fall wie diesem kann von Kosten in Höhe von ca. 500 € für ein Isotopengutachten ausgegangen werden. So kann vergleichsweise kostengünstig die Klärung eines Streitfalls herbeigeführt werden.

Im Normalfall möchte der Kunde im gleichen Schritt wissen, welcher Typ Wasser in die Mauer eingedrungen ist, um entsprechende Maßnahmen zur Schadensvermeidung einleiten zu können. Für solche weiterführenden Diagnosen, z.B. ob das eindringende Wasser Leitungswasser oder Niederschlag ist, würde man bis zu drei Wasserproben benötigen. Beispiele für solche Fragestellungen finden Sie in den folgenden zwei Fallbeispielen.

Schadensfall 2: Unterscheidung von Leitungswasser und Niederschlagswasser

Häufig taucht die Frage auf, ob eine Mauerfeuchte durch von außen eindringendes Niederschlagswasser verursacht wurde, oder ob eine defekte Wasserleitung innerhalb des Mauerwerks die Ursache war. Isotopenanalysen liefern auch hier zuverlässige Daten, die es ermöglichen, von Anfang an den richtigen Sanierungsansatz zu verfolgen.

In einem Objekt in Oberhausen (NRW) fand sich feuchtes Mauerwerk sowohl im Erdgeschoss als auch im Keller. Da durch die örtliche Lage des Schadens sowohl ein Leitungsschaden als auch eine Undichtigkeit des Gebäudes in Frage kam, wurden zwei Proben der Mauerfeuchte genommen, je eine im EG und im Keller.

 

Die Isotopenwerte beider Proben zeigten Werte nahe der Linie des globalen Niederschlags (GWML) (Abb.2). Als Referenz finden sich im Diagramm Isotopendaten von typischen Winter- und Herbstniederschlägen im Ruhrgebiet (orange Symbole), sowie des Durchschnitts der Jahresmittelwerte der letzten Jahrzehnte (Näherungswert für Leitungswasser).

 

Eine starke Diskrepanz der Daten zum Mittelwert des Niederschlags zeigte, dass ein Einfluss von Leitungswasser auszuschließen war. Dagegen zeigte sich eine deutliche Überschneidung der beprobten Wässer mit den Werten für Niederschlag in dieser Region, so dass bei beiden Mauerfeuchten von eindringendem Niederschlagswasser ausgegangen werden musste.

Abb.2: Isotopenwerte zweier Mauerfeuchteproben (Fallbeispiel 2). In orange Referenzdaten zum örtlichen Herbst- und Winterniederschlag, sowie das Jahresmittel. Die Proben stimmen mit herbstlichem und winterlichem Niederschlagswasser überein (Linie GWML). Dagegen ist keine Übereinstimmung mit dem Jahresmittel des Niederschlags festzustellen, was dem Leitungswasser näher käme.

Schadensfall 3: Komplexe Diagnose von mehreren überlagernden Schadwässern im Objekt

Sobald zwei oder mehr Schadwässer zu vermuten sind, ist von einem komplexen Fall zu sprechen. Auch hier liefern Isotopenanalysen Daten, die sehr gute Schadensdiagnosen ermöglichen können. Ein Wasserschaden eines Hauses in München äußerte sich durch

  1. eine feuchte Wand im Keller, die an das Nachbargebäude angrenzt, sowie

  2. durch einen feuchten Boden im gleichen Kellerraum.
     

Die Wand war in voller Höhe durchfeuchtet und zeigte Trocknungsränder, Ausblühungen und Farbabblätterungen, sowie auch Feuchte in der Oberkante und teilweise in der Decke. Der Boden zeigte teilweise Ausblühungen, die den Bodenbelag abblättern liessen, sowie hochziehende Feuchte an einer Zwischenwand bis ca. 20 cm Höhe, auch hier begleitet von Ausblühungen und Farbabblätterung.

Im angrenzenden Nachbarhaus hatte Monate zuvor ein Rohrbruch stattgefunden. Wurde die Feuchte der Wand also von diesem Leitungsschaden im angrenzenden Gebäude verursacht? Oder handelte es sich hier um Niederschlag, der durch Undichtigkeiten in der oberhalb liegenden Hofeinfahrt eingedrungen war? Weiterhin sollte geklärt werden, ob die Feuchte des Bodens aus dem gleichen Schadwasser wie in der Wand entstanden war.

Kieselgelpatronen wurden an 2 Stellen der Wand auf ca. 1,80m Höhe, sowie an einer Stelle des Bodens eingebracht. Beide Proben der Wand (MUC-01 und -02) überschneiden sich in der analytischen Schwankungsbreite, und sind somit als gleich anzusetzen. Die Berechnung der Verdunstungsgerade für diese Proben erzeugte einen Schnittpunkt mit dem Referenzwert für Leitungswasser im Münchner Westen. Die Proben der Wand zeigen damit ihre Herkunft aus Leitungswasser (Abb. 3). Da sonst keine weiteren Wasserleitungen in unmittelbarer Nähe des Schadens vorhanden waren, war das Schadwasser somit dem Wasserschaden im Nachbarhaus zuzuordnen.

Abb.3: Isotopenwerte mehrerer Feuchteproben aus einem Kellergeschoss in München. Die Probe MUC-01 und -02 zeigen eine Isotopie die über eine Verdunstungsgerade auf Niederschlagswasser (violette Linie) zurückzuführen ist. Probe MUC-03 zeigt hingegen schwerere Isotopie, die auf Grundwasser oder Porenwasser aus dem Erdreich zurückzuführen ist.

Hingegen zeigte die Wasserprobe aus dem Boden (MUC-03) eine gänzlich unterschiedliche Isotopie. Die Berechnung einer Verdunstungsgerade schneidet die Niederschlagslinie deutlich abweichend vom örtlichen Leitungswasser. Der Wasserschaden aus dem angrenzenden Haus konnte also nicht für die Feuchte im Boden verantwortlich gemacht werden. Auch Abwasserleitungen oder Regenableitungen lagen nicht in der Nähe dieses Schadensbereiches, wie mit Leitungsplänen des Objektes belegt werden konnte.

 

Aufgrund dieser Ausschlusskriterien ergab sich, dass das Schadwasser von unterhalb des Fundaments eindrang, also Grundwasser oder Porenwasser aus dem Erdreich sein musste. Dies passt zu den erhobenen Daten, da sich Grund- und Porenwasser letztlich aus Niederschlag erzeugen, so dass deren Isotopie per Verdunstungsgerade der Niederschlagslinie zuzuordnen ist. Als Ursache für die Feuchtigkeit der Bodenplatte konnte somit eine Undichtigkeit des Hauses festgestellt werden.

In solch komplexen Fällen kann von Kosten von 1.000 – 1.500 € für ein Gutachten ausgegangen werden. Die Diagnose von multiplen Schadwässern erfordert einen deutlichen Mehraufwand bei Recherche, Analytik und Interpretation. Als Gegenleistung entsteht ein Gutachten, welches alle das Objekt betreffende Umstände mit einbezieht (hier z.B. Leitungs- und Entwässerungspläne der Stadtwerke), über eine höhere Probenanzahl alle schadhaften Bereiche abdeckt und über umfangreiche Berechnungen von Verdunstungs- und Kondensationsgeraden diese Proben in Beziehung setzt. Diese Königsdisziplin der Wasserschadensdiagnose eignet sich besonders dann, wenn beispielsweise teure Sanierungen ins Haus stehen, deren Sinnhaftigkeit nicht hinlänglich bewiesen ist.

Schlussbemerkung

Die obigen Fallbeispiele dienen dazu, das Grundprinzip der Wirkungsweise von isotopischen Gutachten zu veranschaulichen. Viele weitere Schadenskonstellationen sind jedoch auflösbar. Ein kurzer telefonischer oder schriftlicher Kontakt reicht oft aus, um einschätzen zu können, ob ein Isotopengutachten für die jeweilige Sachlage hilfreich ist. Der Grundgedanke hinter der Beauftragung eines isotopischen Gutachtens sollte dabei sein, eine fundierte Entscheidungsgrundlage für die anstehende Sanierung zu schaffen.

 
 
 
Schadensfall 4: Leitungswasser oder Niederschlag? Beides! (Dämmstoffbeprobung)

In diesem Fall wurde in einem neugebauten, behindertengerechten Apartmenthaus Schimmel festgestellt und zwar in Bodennähe an Trockenbauwänden. Der Rückbau der Trockenbauwände und das Öffnen des Bodenaufbaus zeigte in mehreren Apartments entweder stehendes Wasser oder stark durchfeuchtete Bodendämmung.

Zwei Theorien zur Ursache waren im Spiel: einerseits wurden verrutschte Dichtungsringe in den Ablüssen der Duschen mehrerer Apartments festgestellt. Also Leitungswasser? Andererseits fand sich ein Großteil des Schadwassers westseitig im Gebäude, direkt unterhalb einer Fensterfront. Doch Niederschlag?

Isotopenanalysen mehrerer Proben (inkl. einer Probe des Leitungswassers zum Vergleich) zeigte, dass beide Schadenstheorien berücksichtigt werden mussten. Schadwasser in der Nähe der Fensterfront war auf Niederschlag zurückzuführen, wogegen Dämmstofffeuchte unterhalb der Duschen direkt aus Leitungswasser herrührte. Die anfängliche Vermutung, eine leichte Schieflage des Stockwerksbodens würde ein Wegfließen des Wassers vom Fenster weg zur Dusche hin bewirken, bestätigte sich nicht. Statt einer Schadensursache mussten zwei behoben werden. Im Gegenzug war es nicht nötig, später erneut einen Schaden beheben zu müssen.